Rhein-Neckar-Zeitung vom 11.9.1953
 
Drahtseil der Bergbahn riß ...
 
... erstmals seit 1907 - Die Bremsen funktionierten
Zum erstenmal seit Bestehen der Bergbahnstrecke Molkenkur-Königstuhl riß vorgestern abend gegen 17.20 Uhr das zentimeterstarke Drahtseil, an dem die Wagen hinaufgezogen und hinabgelassen werden. Da die automatischen Bremsen, die laufend Proben unterzogen werden, sofort in Aktion traten, kam der Wagen, der die Königstuhlstation gerade verlassen hatte, sofort zum Stehen, so daß die Insassen von dem Seilriß selbst kaum etwas spürten. Mit Omnibussen wurde der Verkehr am Abend und gestern aufrechterhalten, bis beinahe genau 24 Stunden später der Betrieb mit einem neuen Seil wieder aufgenommen werden konnte.
Der Wagen Nummer drei hatte soeben die Fahrt von der Königstuhlstation nach der Molkenkur angetreten, als nach etwa fünfzehn Metern ein leiser Ruck durch den Wagen ging. Zur gleichen Zeit hörten die Insassen ein starkes Schleifen unter dem Wagenboden und der Wagen stand. Was war passiert? Die Fahrgäste sahen es, als sie wieder aus dem Wagen stiegen, neben dem noch die Treppen für das Personal zur kaum verlassenen Station führten; das Seil war - zum erstenmal seit dem Bau dieser Bergbahnstrecke im Jahre 1907 - gerissen. Sie mußten selbst zugeben: so hatten sie sich einen Seilriß nicht vorgestellt. Sie hatten ihn kaum wahrgenommen. Eine automatische Bremseinrichtung, die bei einer Beschleunigung der Abfahrtsgeschwindigkeit von zwei Metern pro Sekunde sofort in Aktion tritt, hatte ihre starken Backen, ähnlich der Felgenbremse bei Fahrrädern, fest um die Schienen geschlagen und kaum zwei Meter nach dem Seilriß den Wagen zum Stehen gebracht.
Mehrere Male im Jahr wird dieser Fall probeweise statuiert, indem man beide Wagen aus dem Aufzugsseil aushängt und, mit Arbeitern der Stadtwerke besetzt, ein Stück "abfahren" läßt, um die Bremsen zu prüfen. Noch nie aber waren die Bremsen vorher auf eine so. ernste Probe gestellt worden. Die Bergbahn hat ihre Generalprobe bestanden und vielen Benutzern wird sie dadurch das mehr oder weniger erwünschte Kribbeln in der Magengegend genommen haben, das sich bei dem Gedanken einstellte: "Wenn das Seil reißt, dann ..."
Schon wenige Minuten nach dem Unfall waren Direktor Bergmaier und seine Techniker am Unfallort. Die Fahrgäste der Bergbahn wurden mit Omnibussen zu Tal befördert und der Betrieb lief weiter, wenn auch die Königstuhlbesucher am nächsten Tag auf die Bergbahnfahrt verzichten und ab Molkenkur mit Omnibussen vorlieb nehmen mußten. Sobald es hell war, gingen die Techniker und Arbeiter der Bergbahn ans Werk, um den Schaden zu beheben. Während die beiden Wagen außer der Bremsblockierung noch mit Seilen an den Schwellen festgemacht wurden, fuhr oben am Königstuhl ein Windenwagen mit der mächtigen Rolle des tonnenschweren neuen Drahtseils an, das im Herbst sowieso für das alte Seil eingesetzt worden wäre. Denn auch die Seile werden alle paar Jahre ausgewechselt. Stück für Stück wurde das fettige, schwarze Seil hinuntergezogen bis zur Molkenkur und dort an den anderen Wagen angebracht. Endlich gegen 16.15 Uhr war es so weit, Telefongespräche hinauf und herunter. Die Räder im Werk auf der Königstuhlstation drehten sich wieder und zogen den Wagen zur Station zurück.
Die Arbeiter, die das neue Seil eingezogen hatten, stiegen mit dem Betriebsleiter und den Technikern ein. Los ging die Fahrt. Als ob nichts gewesen sei, glitten wir abwärts. Arbeiter klopften mit dem Hammer die Bremsen und das Fahrwerk ab. Am Klang hörten sie, daß alles in Ordnung war. Also konnte die Fahrt wieder aufwärts gehen. Noch dehnte sich das Seil ein wenig bei den ersten Probefahrten. Die Verlängerung wurde korrigiert und dann kam die neue Bremsprobe. Diesmal wieder in gewohnter Weise. Als sich beide Wagen in der Mitte der Strecke trafen, wurde erst der eine, dann der andere kurz "fahren gelassen". Und schon stand unser Wagen wieder. Die Bergbahn konnte ihren Dienst wieder aufnehmen. Und die Fahrgäste können mit der alten Sicherheit wieder zum Königsstuhl fahren.
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